Bindlach auf dem deutschen Schachthron
TSV Bindlach-Aktionär wird Deutscher Blitzmannschaftsmeister 2008
31. Mai 2008 – ein großer Tag für das oberfränkische Schach.
Im westfälischen Herford gelang dem TSV Bindlach-Aktionär einer der größten Erfolge seiner Vereinsgeschichte. In einem hochklassig besetzten Feld gewann die Mannschaft die 25. Deutsche Mannschaftsmeisterschaft im Blitzschach und durfte sich fortan Deutscher Blitzmannschaftsmeister 2008 nennen.
Der Titel war zugleich ein sportlicher Höhepunkt am Ende einer außergewöhnlichen Ära des Bindlacher Schachs. Nur wenige Jahre zuvor hatte sich der Verein aus Oberfranken bis in die 1. Schachbundesliga emporgearbeitet und dort zweimal den hervorragenden vierten Tabellenplatz erreicht. Nun setzte Bindlach im Blitzschach noch einmal ein bundesweit beachtetes Ausrufezeichen.
Ein Weltklasseteam für Bindlach
Für die Deutsche Blitzmannschaftsmeisterschaft trat Bindlach mit einer außergewöhnlich starken Vierermannschaft an:
Brett 1: GM David Navara
Brett 2: GM Viktor Láznička
Brett 3: GM Michael Bezold
Brett 4: Ilja Schneider
Mit David Navara stand am Spitzenbrett ein Spieler von internationalem Weltklasseformat. Der tschechische Großmeister war bereits damals weit über die Grenzen seines Heimatlandes hinaus bekannt.
An Brett zwei spielte mit Viktor Láznička ein weiterer starker tschechischer Großmeister, der seine besondere Klasse im schnellen Spiel in Herford eindrucksvoll unter Beweis stellte.
Michael Bezold war über viele Jahre eine der prägenden Persönlichkeiten des Bindlacher Spitzenschachs. Gerade im Blitzschach gehörte der Großmeister zu den stärksten deutschen Spielern.
Komplettiert wurde das Quartett durch Ilja Schneider, ebenfalls ein ausgewiesener Spezialist für die schnellen Disziplinen.
Diese vier Spieler sollten am 31. Mai 2008 zu einer Mannschaft werden, die deutsche Schachgeschichte für Bindlach schrieb.
25 Runden gegen Deutschlands Elite
Austragungsort der Meisterschaft war das MARTa Museum in Herford. Insgesamt waren 26 Mannschaften gemeldet. Gespielt wurde ein Rundenturnier über 25 Runden.
Das Teilnehmerfeld zeigte, welchen Stellenwert die Deutsche Blitzmannschaftsmeisterschaft besaß: Zahlreiche Spieler aus der 1. und 2. Bundesliga waren am Start. Unter den Teilnehmern befanden sich Großmeister, Internationale Meister und weitere Titelträger.
Bindlach gehörte aufgrund seiner Aufstellung zu den Favoriten.
Doch der Weg zum Titel verlief keineswegs vom ersten Zug an problemlos.
Tegernsee übernimmt zunächst die Spitze
Vor allem der TV Tegernsee erwies sich als großer Konkurrent im Kampf um die Deutsche Meisterschaft.
Die Tegernseer waren ebenfalls hervorragend besetzt. Unter anderem spielte der vielfache deutsche Blitzmeister Klaus Bischoff am Spitzenbrett. Gerald Hertneck, Stefan Bromberger und Markus Stangl komplettierten die Mannschaft.
Während Bindlach zunächst nicht optimal in das Turnier kam, setzte sich Tegernsee an die Spitze.
Doch die Oberfranken ließen sich nicht abschütteln.
Runde um Runde kämpfte sich das Bindlacher Quartett wieder heran. Schließlich lagen beide Mannschaften zeitweise gleichauf.
Alles deutete darauf hin, dass die Entscheidung um den deutschen Meistertitel im direkten Aufeinandertreffen fallen könnte.
Und genau so kam es.
Die 23. Runde wird zum Höhepunkt
In der 23. Runde stand das entscheidende Duell auf dem Programm:
TSV Bindlach-Aktionär – TV Tegernsee
Es war das Aufeinandertreffen der beiden stärksten Mannschaften des Turniers.
Ein knappes Ergebnis wäre angesichts der Spielstärke beider Teams keine Überraschung gewesen.
Doch was dann geschah, wurde zum Höhepunkt der Meisterschaft.
Bindlach gewann mit 4:0!
David Navara, Viktor Láznička, Michael Bezold und Ilja Schneider entschieden sämtliche vier Partien für die Oberfranken.
Ein solches Resultat gegen einen direkten Konkurrenten dieser Spielstärke war ein Paukenschlag.
Mit diesem 4:0 übernahm Bindlach endgültig das Kommando im Titelkampf. Die Führung ließen sich die Oberfranken anschließend nicht mehr nehmen.
Deutscher Meister!
Nach 25 Runden stand fest:
1. TSV Bindlach-Aktionär – 46:4 Mannschaftspunkte
2. TV Tegernsee – 43:7 Mannschaftspunkte
3. SV Wattenscheid 1930 – 42:8 Mannschaftspunkte
Dazu erreichte Bindlach beeindruckende 83,5 Brettpunkte.
Die Bilanz lautete:
22 Mannschaftssiege, zwei Unentschieden und nur eine Niederlage.
Damit war der TSV Bindlach-Aktionär Deutscher Blitzmannschaftsmeister 2008.
Bezold und Láznička überragen
Auch die Einzelergebnisse unterstrichen die außergewöhnliche Mannschaftsleistung.
Besonders beeindruckend spielte GM Michael Bezold. Am dritten Brett erzielte er 22,5 Punkte aus 25 Partien und war damit einer der herausragenden Punktesammler der gesamten Meisterschaft.
Auch GM Viktor Láznička glänzte. Er holte 21,5 Punkte aus 25 Partien und erzielte damit das beste Ergebnis am zweiten Brett.
GM David Navara steuerte am Spitzenbrett starke 20 Punkte aus 25 Partien bei.
Doch letztlich war es die Geschlossenheit der gesamten Mannschaft, die Bindlach zum Titel führte.
Navara, Láznička, Bezold und Schneider ergänzten sich hervorragend – und waren im entscheidenden Moment zur Stelle.
Der Triumph nach dem Bundesliga-Rückzug
Der Meistertitel erhielt durch die damaligen Umstände eine besondere Bedeutung.
Bindlach hatte sich innerhalb weniger Jahre vom oberfränkischen Verein zu einer der stärksten Mannschaften Deutschlands entwickelt.
In der 1. Schachbundesliga erreichte der TSV Bindlach-Aktionär sowohl 2006/07 als auch 2007/08 den vierten Tabellenplatz.
Damit gehörte der kleine oberfränkische Ort plötzlich zur deutschen Schachelite.
Nach der Saison 2007/08 zog sich Bindlach jedoch aus der 1. Bundesliga zurück.
Umso symbolträchtiger war der Erfolg in Herford.
Noch einmal zeigte diese Mannschaft, welches sportliche Potenzial in ihr steckte.
Der damalige Vereinsvorsitzende Klaus Mühlnickel brachte die Stimmung nach dem Titelgewinn auf den Punkt. Die Spieler hätten nach dem Bundesliga-Rückzug noch einmal zeigen wollen, „was in ihnen steckt“.
Das gelang eindrucksvoll.
Von Bayern an die deutsche Spitze
Der Erfolg kam nicht völlig aus dem Nichts.
Schon im Jahr zuvor hatte Bindlach seine außergewöhnliche Stärke im Blitzschach gezeigt.
2007 gewann der Verein in Kulmbach die Bayerische Blitzmannschaftsmeisterschaft. Es war der erste bayerische Mannschaftsblitztitel für ein oberfränkisches Team seit mehr als zwei Jahrzehnten.
Im selben Jahr erreichte Bindlach bei der Deutschen Blitzmannschaftsmeisterschaft bereits den zweiten Platz.
2008 folgte die Krönung.
Aus dem deutschen Vizemeister wurde der Deutsche Meister.
Damit hatte Bindlach innerhalb kürzester Zeit den Weg von der bayerischen Spitze bis ganz nach oben im deutschen Mannschaftsblitz zurückgelegt.
Ein historischer Erfolg für Oberfranken
Der Titel war nicht nur für Bindlach von herausragender Bedeutung.
Er war zugleich ein großer Erfolg für das gesamte oberfränkische Schach.
Über Jahrzehnte hatten Vereine wie Bamberg, Bayreuth, Hof, Kulmbach und zahlreiche andere Klubs die Schachtradition der Region geprägt. Doch ein deutscher Mannschaftsmeistertitel gehört zu den seltenen Höhepunkten, die weit über eine einzelne Saison hinaus Bestand haben.
Mit dem Triumph von Herford stand plötzlich ein oberfränkischer Verein ganz oben auf dem Siegerpodest einer Deutschen Meisterschaft.
Für eine vergleichsweise kleine Schachregion war das außergewöhnlich.
Der Name Bindlach hatte sich innerhalb weniger Jahre von der oberfränkischen Schachszene über die Bayernliga und 2. Bundesliga bis in die stärkste deutsche Spielklasse vorgearbeitet.
Nun kam ein nationaler Meistertitel hinzu.
Vier Namen bleiben mit dem Titel verbunden
Wenn heute auf den 31. Mai 2008 zurückgeblickt wird, bleiben insbesondere vier Namen untrennbar mit diesem Erfolg verbunden:
David Navara – Viktor Láznička – Michael Bezold – Ilja Schneider.
Sie waren die vier Spieler, die an diesem Tag für Bindlach an die Bretter gingen.
Und sie waren es, die im entscheidenden Duell gegen Tegernsee ein Ergebnis schafften, das zum Sinnbild des gesamten Turniers wurde:
4:0.
Vier Bretter.
Vier Siege.
Der Weg zum deutschen Meistertitel war frei.
Das Vermächtnis von Herford
Der 31. Mai 2008 bleibt deshalb ein besonderes Datum in der Geschichte des TSV Bindlach-Aktionär.
Der Verein hatte zuvor bereits Bundesliga-Schach auf höchstem Niveau nach Oberfranken gebracht. Internationale Großmeister spielten für Bindlach, Zuschauer konnten einige der stärksten Schachspieler Europas unmittelbar erleben und der Name des Vereins wurde deutschlandweit bekannt.
Der Deutsche Blitzmannschaftstitel setzte dieser Epoche sportlich die Krone auf.
Gerade weil gleichzeitig der Rückzug aus der 1. Bundesliga bevorstand, wirkte der Triumph wie ein letzter großer Höhepunkt einer außergewöhnlichen Mannschaft.
46:4 Mannschaftspunkte.
83,5 Brettpunkte.
22 Siege in 25 Mannschaftskämpfen.
Ein 4:0 gegen den großen Rivalen Tegernsee.
Und am Ende stand der Titel:
Deutscher Blitzmannschaftsmeister 2008 – TSV Bindlach-Aktionär
Für Bindlach war es ein Triumph.
Für Oberfranken war es Schachgeschichte.
Und bis heute gehört der 31. Mai 2008 zu den großen Tagen des oberfränkischen Schachs.