TSV Bindlach-Aktionär – zwei sensationelle Jahre in der 1. Schachbundesliga

Vom oberfränkischen Verein bis in die deutsche Schachelite
Die Jahre 2006 bis 2008 gehören zu den außergewöhnlichsten Kapiteln in der Geschichte des TSV Bindlach-Aktionär. Innerhalb weniger Jahre entwickelte sich die Schachabteilung des oberfränkischen Vereins von einer ambitionierten Mannschaft zu einem Team, das sich mit den besten Schachvereinen Deutschlands messen konnte.
Der sportliche Höhepunkt war die Teilnahme an der 1. Schachbundesliga in den Spielzeiten 2006/07 und 2007/08. Und Bindlach war dort keineswegs nur Außenseiter: In beiden Spielzeiten erreichte die Mannschaft den vierten Tabellenplatz.
Damit gehörte der TSV Bindlach-Aktionär zeitweise tatsächlich zu den erfolgreichsten Schachmannschaften Deutschlands.
2005/06: Der Durchmarsch in die Bundesliga
Die Grundlage für dieses außergewöhnliche Kapitel wurde in der Saison 2005/06 gelegt.
Bindlach spielte in der 2. Bundesliga Ost und dominierte die Liga in beeindruckender Weise. Schon vor dem letzten Spieltag stand der Aufstieg praktisch fest. Im entscheidenden Spitzenspiel gegen den Erfurter SK setzte sich Bindlach mit 5,5:2,5 durch.
Nach acht Runden standen sensationelle 16:0 Mannschaftspunkte zu Buche.
Doch die Mannschaft wollte mehr: Sie wollte die gesamte Saison ohne einen einzigen abgegebenen Mannschaftspunkt abschließen.
Das gelang.
Im letzten Saisonkampf beim SK Kötzting gewann Bindlach auch ohne Spitzenspieler Arkadij Naiditsch mit 5:3. Damit war die perfekte Saison vollendet:
9 Wettkämpfe – 9 Siege – 18:0 Mannschaftspunkte – 50,5 Brettpunkte.
Der TSV Bindlach-Aktionär stieg mit einer „weißen Weste“ in die höchste deutsche Spielklasse auf.
Für einen oberfränkischen Schachverein war dies ein außergewöhnlicher Erfolg. Plötzlich gehörte Bindlach zum Kreis der 16 Mannschaften der 1. Schachbundesliga.
Ein Kader für die stärkste Liga
Nach dem Aufstieg war klar, dass sich Bindlach verstärken musste. Die 1. Bundesliga gehörte schon damals zu den stärksten Mannschaftsligen der Welt.
Mit Unterstützung des Hauptsponsors DER AKTIONÄR wurde ein bemerkenswert starkes Team zusammengestellt.
Die deutsche Nummer eins Arkadij Naiditsch blieb am Spitzenbrett. Hinzu kamen internationale Großmeister wie David Navara und Wolodymyr Baklan. Zum Bindlacher Aufgebot gehörten außerdem unter anderem David Baramidze, Michael Prusikin, Igor Štohl, Ján Markoš, Klaus Bischoff, Michael Bezold, Pavel Čech und Axel Heinz.
Die Mannschaft verband internationale Klasse mit starken deutschen Spielern und Talenten. Das erklärte Ziel vor der ersten Saison war zunächst der Klassenerhalt. Ein Platz unter den ersten zehn Mannschaften galt bereits als gutes Ergebnis.
Was anschließend geschah, übertraf diese Erwartungen deutlich.
2006/07: Der Aufsteiger wird sensationell Vierter
Bindlach erwies sich vom ersten Bundesligajahr an als konkurrenzfähig.
Von Ehrfurcht vor den großen Namen der Liga war wenig zu spüren. Die Mannschaft gewann acht ihrer 15 Begegnungen, spielte dreimal unentschieden und verlor lediglich vier Mannschaftskämpfe.
Am Ende standen:
19:11 Mannschaftspunkte und 66,5 Brettpunkte.
Das bedeutete den sensationellen 4. Platz in der 1. Schachbundesliga 2006/07.
Nur der OSC Baden-Baden, der Hamburger SK und die SG Porz lagen in der Abschlusstabelle vor dem Aufsteiger aus Oberfranken.
Bindlach ließ dagegen zahlreiche etablierte Bundesligavereine hinter sich, darunter Remagen, Solingen, Tegernsee, Kreuzberg, Wattenscheid und Werder Bremen.
Aus dem Aufsteiger war innerhalb einer einzigen Saison eine deutsche Spitzenmannschaft geworden.
Besonders bemerkenswert war die mannschaftliche Geschlossenheit. Bindlach benötigte während der gesamten Saison lediglich zehn eingesetzte Spieler. Zu den herausragenden Punktesammlern gehörten Wolodymyr Baklan und David Baramidze, die jeweils 10,5 Punkte erzielten und damit nur einen halben Punkt hinter dem besten Punktesammler der gesamten Bundesliga lagen.
Bindlach macht auch im Blitzschach auf sich aufmerksam
Die Stärke der Mannschaft zeigte sich nicht nur in der Bundesliga.
2006 gewann Klaus Bischoff, damals für den TSV Bindlach-Aktionär spielend, die Deutsche Blitz-Einzelmeisterschaft. Michael Bezold belegte bei derselben Meisterschaft den sechsten Platz.
Im März 2007 folgte ein weiterer Erfolg. In Kulmbach wurde Bindlach Bayerischer Blitz-Mannschaftsmeister. Klaus Bischoff, Ján Markoš, Pavel Čech und Axel Heinz blieben mit der Mannschaft ungeschlagen; alle vier erzielten zudem an ihren Brettern die jeweils beste Einzelwertung.
Wenige Monate später erreichte Bindlach bei der Deutschen Blitz-Mannschaftsmeisterschaft 2007 hinter Baden-Baden den zweiten Platz.
Der Name TSV Bindlach-Aktionär hatte sich damit endgültig im deutschen Spitzenschach etabliert.
2007/08: Bindlach bestätigt den vierten Platz
Nach der sensationellen Premierensaison stellte sich die Frage: War der vierte Platz nur ein einmaliger Ausreißer?
Die Antwort lieferte die Mannschaft am Brett.
Auch in der Saison 2007/08 spielte Bindlach wieder ganz vorne mit.
Der Kader war erneut hervorragend besetzt. Für Bindlach spielten unter anderem David Navara, Wolodymyr Baklan, Viktor Láznička, David Baramidze, Falko Bindrich, Michael Prusikin, Roman Slobodjan, Dimitri Bunzmann, Ján Markoš, Igor Štohl, Michael Bezold, Ilja Schneider, Pavel Čech und Axel Heinz.
Besonders stark punkteten unter anderem Roman Slobodjan mit 9,5 Punkten aus 15 Partien, David Baramidze mit 7,5 aus 13, Igor Štohl mit 7,5 aus 13 und Ilja Schneider mit 7 aus 10.
Und erneut lieferte Bindlach eine bemerkenswerte Saison.
Nach 15 Mannschaftskämpfen standen wiederum acht Siege, drei Unentschieden und vier Niederlagen zu Buche.
Mit 19:11 Mannschaftspunkten und 63,5 Brettpunkten belegte der TSV Bindlach-Aktionär tatsächlich zum zweiten Mal hintereinander den 4. Platz der 1. Bundesliga.
Vor Bindlach lagen diesmal nur der OSC Baden-Baden, Werder Bremen und der SV Mülheim-Nord. Mannschaften wie Solingen, Tegernsee, Wattenscheid, Hamburg und Eppingen landeten hinter den Oberfranken.
Damit war endgültig bewiesen: Der Erfolg des ersten Bundesligajahres war kein Zufall.
Kein sportlicher Abstieg – freiwilliger Rückzug
Das Ende der Bindlacher Erstliga-Ära wird gelegentlich als „Abstieg“ bezeichnet. Sportlich ist diese Bezeichnung jedoch nicht richtig.
Der TSV Bindlach-Aktionär beendete die Saison 2007/08 schließlich als Tabellenvierter und hatte mit dem sportlichen Abstiegskampf nichts zu tun.
Nach Saisonende zog der Verein seine Mannschaft jedoch freiwillig aus der 1. Bundesliga zurück. Dadurch endete nach nur zwei Spielzeiten das Bindlacher Kapitel in der höchsten deutschen Spielklasse.
Der Rückzug hatte auch Auswirkungen auf die zweite Mannschaft: Da die erste Mannschaft aus der Bundesliga zurückgezogen wurde, musste die Bindlacher Reserve die 2. Bundesliga Ost verlassen.
So endete eine außergewöhnliche Ära nicht aufgrund mangelnder sportlicher Qualität, sondern durch den Rückzug aus der höchsten Spielklasse.
Zwei Jahre, zweimal Platz vier
Gerade im Rückblick wird deutlich, wie bemerkenswert die Bindlacher Bundesligajahre waren.
2005/06: Meister der 2. Bundesliga Ost mit 18:0 Punkten
2006/07: 4. Platz in der 1. Bundesliga
2007/08: erneut 4. Platz in der 1. Bundesliga
2008: freiwilliger Rückzug aus der höchsten Spielklasse
Innerhalb von nur wenigen Jahren hatte sich ein Verein aus Oberfranken bis in die nationale Spitze vorgearbeitet.
Dabei war es nicht allein die Qualität einzelner Großmeister, die Bindlach auszeichnete. Entscheidend war die Kombination aus einem starken Kader, sportlicher Organisation, Sponsorenunterstützung und einer Mannschaft, die sich auch gegen die großen Namen der Bundesliga behaupten konnte.
Ein besonderes Kapitel der oberfränkischen Schachgeschichte
Die beiden Spielzeiten des TSV Bindlach-Aktionär in der 1. Bundesliga nehmen bis heute einen besonderen Platz in der oberfränkischen Schachgeschichte ein.
Bindlach spielte nicht einfach nur zwei Jahre in der höchsten deutschen Liga.
Die Mannschaft gehörte in beiden Jahren zu den vier besten Teams Deutschlands.
Der perfekte Aufstieg mit 18:0 Punkten, der sensationelle vierte Platz als Bundesliga-Neuling und die Wiederholung dieses Ergebnisses in der Saison 2007/08 machten den TSV Bindlach-Aktionär für kurze Zeit zu einer festen Größe im deutschen Spitzenschach.
Dass diese Ära bereits 2008 endete, macht sie rückblickend fast noch außergewöhnlicher.
Es waren nur zwei Jahre in der 1. Bundesliga – aber zwei Jahre, in denen ein oberfränkischer Verein eindrucksvoll bewies, dass er mit der deutschen Schachelite auf Augenhöhe spielen konnte.