Spiel um WM-Titel – Bayreuth im Blickpunkt der Schach-Welt – Artikel 13.05.2024 NK

Als Bayreuth im Blickpunkt der Schach-Welt stand

Partien um die Schachweltmeisterschaft sind in der Bayreuther Stadtgeschichte selten. Vor 90 Jahren jedoch war die Stadt Schauplatz eines solchen Ereignisses: Im Evangelischen Gemeindehaus trafen am 13. und 14. Mai 1934 der amtierende Weltmeister Alexander Aljechin und der in der Ukraine geborene deutsche Großmeister Efim Bogoljubow aufeinander. Die Partie zog sich über zwei Tage hin, ehe der Herausforderer aufgab.

Bayreuth war eine von zwölf deutschen Städten, in denen vom 1. April bis 14. Juni 1934 die 14. Schachweltmeisterschaft ausgetragen wurde. Nach Baden-Baden, Villingen, Freiburg, Pforzheim, Stuttgart und München stand beim Spielstand von 9:6 für Aljechin nun die 16. Partie im Evangelischen Gemeindehaus auf dem Programm.

Gespannt warteten die Schachfreunde, darunter die Bayreuther Spitzenspieler Eduard Hahn und August Eyser, auf das Duell der Weltklassespieler. Zunächst stand die Begegnung jedoch auf der Kippe: Nach der anstrengenden Anreise erklärte Aljechin, er sei müde und wolle einen seiner drei Ruhetage in Anspruch nehmen. Schließlich ließ er sich aber doch überreden und trat an.

Am Abend wurde die Geduld der Zuschauer erneut auf eine harte Probe gestellt. Ausgerechnet an diesem Tag inspizierte Ernst Röhm, Führer der nationalsozialistischen Sturmabteilung (SA), die oberfränkische Brigade 77 in Bayreuth. Wegen des verspäteten Vorbeimarschs der Kolonnen durch die abgesperrte Richard-Wagner-Straße verzögerte sich der Beginn der WM-Partie um fast eine Stunde.

Das Lokalblatt berichtete: „Dr. Aljechin war Führer der Weißen, und es entwickelte sich eine spannende Partie, in der schon im 17. Zuge die Königinnen abgetauscht wurden. Im 41. Zuge wurde die Partie abgebrochen. Sie wird am Dienstag fortgesetzt. Die Stellung ist für den Weltmeister anscheinend etwas besser.“

Wie stark die Veranstaltung vom NS-Zeitgeist geprägt war, zeigte auch der Besuch des aus Bayreuth stammenden Kultusministers Hans Schemm. Die Lokalzeitung hob dessen Rede besonders hervor. Schemm erklärte, Friedrich der Große sei ein eifriger Schachspieler gewesen, und pries das Spiel als Mittel, das den Menschen den „Führergedanken“ einimpfe sowie Weitblick und geistige Schulung vermittle.

Am Montag, 14. Mai, wurde die Hängepartie fortgesetzt. Nach nur fünf weiteren Zügen gab Bogoljubow auf. Die „Bayreuther Partie“, eine Spanische Partie mit verzögerter Abtauschvariante, fand Eingang in die Fachliteratur. Entscheidend war Aljechins 30. Zug, den Albert Becker in der Wiener Schachzeitung als „genialen Gedanken“ würdigte: „Ein Gedanke, der nicht leicht zu finden ist und der Partie großen Reiz verliehen hat.“

Beim Stand von 10:6 für Aljechin zog der Tross weiter nach Bad Kissingen, Nürnberg, Karlsruhe, Mannheim und schließlich Berlin. Dort besiegelte der Weltmeister nach der 26. Partie mit einem Endstand von 15,5:10,5 seinen Gesamtsieg. Aljechin gewann acht Partien, Bogoljubow drei; 15 Begegnungen endeten remis. Ungewöhnlich war dabei die hohe Zahl von sieben Schwarzsiegen gegenüber vier Weißsiegen.

Aljechin starb 1946 als amtierender Weltmeister. Der Zweikampf zwischen Aljechin und Bogoljubow blieb bis 2008 die letzte Schachweltmeisterschaft in Deutschland.

Simultanspiel an 20 Brettern

Bogoljubow gab in Bayreuth außerdem eine Simultanvorstellung an 20 Brettern. Er gewann 18 Partien, spielte gegen den Bayreuther Pöhlmann remis und verlor lediglich gegen den früheren Bayreuther Schachmeister Zimmermann.

Bogoljubow war damals mit großem Abstand der stärkste Spieler Deutschlands – und wusste um seine Klasse: „Wenn ich Weiß habe, gewinne ich, weil ich Weiß habe – und wenn ich Schwarz habe, gewinne ich, weil ich Bogoljubow bin.“

Obwohl er seit 1933 deutscher Staatsangehöriger war, durfte Bogoljubow nicht um den deutschen Meistertitel spielen. Nach der nationalsozialistischen Rassenideologie galt er nicht als „deutschen Blutes“.

Bayreuther Siege gegen Weltmeister

Dreimal kamen Schachweltmeister zu Simultanveranstaltungen nach Bayreuth. 1933 spielte José Raúl Capablanca fast vier Stunden hoch konzentriert und gewann 29 Partien. Nur Edi Hahn vom Bayreuther Schachclub erreichte ein Remis; sein Vereinskollege Hans Eyser erzielte den einzigen Sieg gegen den Kubaner.

Dieses Kunststück gelang Edi Hahn im Juli 1935 auch gegen Weltmeister Max Euwe. 1968 setzte sich schließlich der WWG-Lehrer Helmut Knötzsch gegen den amtierenden Weltmeister Tigran Petrosjan durch.

Schach-WM in Bayreuth: Vor 90 Jahren forderte Efi m Bogoljubow (links) den amtierenden russischen Weltmeister Alexander Aljechin (rechts) heraus.
Foto: Archiv Stephan Müller / durch ChatCPT restauriert

Link zur Partie

Alle verfügbaren Partien von Edi Hahn zum download