Das Wunder von Willingen – Bericht von Trainer Rene Rieber

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Markus kam zum Ersten mal zu uns, als wir vom SC Ansbach 1855 das Ferienprogramm der Stadt Ansbach mit gestalteten. Ende August und Anfang September `18 luden wir zu uns ein. Das Angebot wurde von fast 40 Kindern genutzt. Ich muss gestehen, dass Markus mir damals nicht so im Gedächtnis haften geblieben ist. Er kam dann ab Oktober/November regelmäßig zum Schachtraining. Er war durch Selbststudium bis dahin schon regelfest. In einer Gruppe ungefähr Gleichaltriger Jungs ist es natürlich leicht Schach zu vermitteln.

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Rene Rieber – Trainer von Markus Albert

Mit den elementaren Mattführungen beginnend wurden die Basics für sauberes, korrektes Arbeiten gelegt. Meiner Meinung nach ein völlig vernachlässigtes Instrument. Bei uns in AN genügt es nicht den K mit der D in einer Stellung einmal Matt zusetzen, sondern alle Möglichkeiten zu sehen. Wenn man aus einer Position fünfmal mattsetzen kann, so sollte man es auch machen. Wenn man sich hier schon selbst beschränkt ist es nicht gut für die Technik am Brett zu arbeiten. Keine Züge dürfen ausgeblendet werden. Auch die anderen

Mattführungen wurden exzessiv trainiert. Die Absicht dahinter ist, die Kinder haben sofort Erfolgserlebnisse und werden sattelfest im Umgang mit den Figuren. Mit D Matt zu setzen dauert vier oder fünf Sekunden, mit T sechs bis acht Sekunden. Mit L+L wird zweimal in einer Minute mattgesetzt und mit L+S einmal. Das genügt mir. Jungs entwickeln in der Gruppe den Ehrgeiz es besser zu machen als ihre  Konkurrenten. Von Tartakower soll der Spruch sein: „In der Eröffnung hoffst du deinen Gegner zu überrumpeln. Im Mittelspiel glaubst du zu gewinnen und im Endspiel weißt du, du hast verloren.“ Deshalb wird die meiste Zeit auch in Endspiele investiert. Immer vom Einfachen zum Schweren hin. In der russischen Schachschule war es früher üblich, im ersten Jahr nur „Endspiele und Königsgambit“. Anfänger bekommen von mir immer das Buch „Schacheröffnungen“ von László Orbán geschenkt. Nur offene Spiele. Das genügt mir. Ich nenne es Schachevolution, vom Urknall der Openings bis zur Gegenwart. Diese alten Kamellen sind wichtig, denn was nutzt es, positionell sauber (z.B. d4) und modern zu eröffnen, wenn man es nicht verwerten kann. Wenn man es fühlen kann, welche Macht in den Figuren steckt, ist alles möglich. Das ist auch der Grund, warum ich als Schwarzspieler Französisch und Caro-Kann für Anfänger ablehne. Dies sind Verteidigungen für Feiglinge und Schach ist nichts für Feiglinge. Unsere Ansbacher Jugendliche zeichnet überbordendes Selbstvertrauen und Spielwut aus. Als Weißspieler wählen sie 1. e4 und 2. f4/Lc4/Sf3 (niemals Schottisch-zu feige) und mit Schwarz 1. -e5 oder auf andere Züge etwas, was Initiative sichert. Natürlich ist das kein korrektes Schach, wozu auch. Die sind Jung, wild, unausgereift und es macht ihnen vor allem Spaß. Markus spielte seine ersten Turnierpartien bei der Jugendeinzelmeisterschaft des Kreis Westmittelfranken am 05. Januar `19. Da drei Punktgleich einliefen musste ein Blitzentscheid her. Das Problem war, Markus hatte bis dahin noch nie geblitzt. Also sah er  seinen beiden Mitkonkurrenten (aus Dombühl) zu wie das geht. Dann „blitzte“ er. Ich bin tausend Tode gestorben, er zog so langsam und behäbig, zum Glück setzte er vor Ablauf der Zeit immer Matt. Zur Jugendbezirkseinzelmeisterschaft nach Vorra aber schickte ich damals den Raphael Stark (SK Rothenburg), weil Markus einfach noch nicht soweit war.  Wir besuchten ab da fast alle Rapid- und DWZ-Turniere  Bayerns und auch Erwachsenenturniere. Unser Aktionsgebiet ging bis Frankfurt am Main, Neckarsteinach, Heilbronn, Schwäbisch Gmünd usw.. Wir haben kaum ein Turnier ausgelassen. In seiner ersten Bayrischen Jugend-Rapid ist er Vierter geworden, in der darauf folgenden sogar Champion. Das war natürlich ein sehr zeitintensives und auch nicht ganz billiges Projekt. Ich bin oft mit zwei bis sechs Kindern im süddeutschen Raum unterwegs gewesen und bestand auch immer darauf, dass die ersten Züge der Schnellpartien mitgeschrieben werden. So hatte man Material zum Studieren. Manche haben das belächelt, weil es waren ja nur Schnellpartien, aber mir war das wichtig. „Wehret den Anfängen“, keine schlechten Eröffnungen war die Losung. Bei all den Fahrten habe ich beobachtet, dass Markus unablässig im Smartphone Schachvideos sich reingezogen hat. Ein Superinstrument zum Lernen wie ich finde. Er spielt auf den Internetforen unablässig. Ein richtig gutes Training sind auch die Thementurniere. Er spielt und ich sitze mit der NCO daneben und souffliere. Da ich kein GM, sondern nur DM (Dorfmeister) bin, habe ich das Problem, wie kann ich gutes Schach vermitteln? Gott sei Dank gibt es Chessbase. Mit Hilfe des statistischen Elements kann man Stellungen als erfolgsträchtig oder nicht so erfolgsträchtig beurteilen. Damit will ich sagen, wenn eine Eröffnungsstellung z.B. 70% Ausbeute verspricht, dann kann sie wohl nicht ganz schlecht sein. Mit solch chancenreichen Abspielen kommt man gut aus den Startlöchern. Ich mache mir auch die Mühe, die historischen Partien mithilfe von chessmetrics und EDO-historical nachzuwerten und in den von mir angelegten Datenbanken zu berücksichtigen. Ich bin davon überzeugt, dass auch die alten Meister gutes Schach spielten. Damit erklärt sich Markus etwas altertümliches Spiel. Dies wird sich natürlich noch ändern, siehe oben „Schachevolution“. Bis zur DEM in Willingen kamen so 170 (84w+86s) analysierte Partien zusammen, unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Ich war von Anfang an überzeugt, dass er in der oberen Hälfte landen würde. Das Vorbereitungsturnier in Rosenheim war für mich ein sicherer Fingerzeig, dass hier ein Talent heranreift. Mit Blick auf die Turniererfolgszahlen der letzten Wochen vor Willingen taxierte ich ihn bei knapp 2100 ein. Das der bayrische Leistungsreferent Klaus Böse ihm diese Chance gewährte war nicht so klar, weil die DWZ-Zahlen nicht mit Markus Entwicklung Schritt halten konnte. Corona hat uns hier einen Strich durch die Rechnung gemacht. Mein besondere Dank gilt ihm. Markus einzige Verlustpartie gegen Diyor Bakiev (2070) hätte es vielleicht nicht gebraucht. Ich verstehe nicht viel vom Schach, aber ich finde 21. .. – La4 hätte die Partie schon zu seinen Gunsten gedreht. In der anschließenden Online-Jugend-Europameisterschaft gewann er mit 3:1 gegen Bakiev. Ob man ihn als Superspätstarter bezeichnen darf? In Capablancas „Letzte Schachlektionen“ steht: „Beginnend im Alter von zehn Jahren, sollten die Schüler regelmäßig im Schach unterwiesen werden – wobei sich die Dauer dieses Unterrichts nach Alter und Begabung der Schüler zu richten hätte.“ Botwinnik hat erst mit 14 Jahren sich mit Schach beschäftigt. Da ist Markus mit seinen damaligen 12 schön mittig. Klar versuchen viele das Schach schon in Kindergärten zu etablieren, meiner unmaßgeblichen Meinung nach tut das nicht not. Mir als sein erster Trainer war nur wichtig, das Kind für Schach zu begeistern. Ich denke, dass ist mir gelungen. Mein größter Dank gilt meiner Vereinsführung, besonders unserem I. Vorstand Sfr. Günter Groß-Winter und unserem Kassier Dieter Sommer, ohne die das ganze nicht möglich gewesen wäre.

„Ein Junge kommt zu mir mit einem Funken Interesse,

ich nähre den Funken und er wird zur Flamme.

Ich nähre die Flamme und sie wird zum Feuer.

Ich nähre das Feuer und es wird ein tosender Brand.“

Cus D`Amato, Erfolgstrainer

Textquelle: Rene Rieber – SC Ansbach




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