Offener Brief an die Schachvereine in Bayern – Gegen die Angst und eine Lanze für Schach als Sport!

Veröffentlicht von

von Prof. Dr. med. Dipl.-Psych. Peter Krauseneck

Liebe Schachfreunde!
Die Entscheidung über die Durchführung der neuen Saison steht an, und es gab um die Durchführung der letzten beiden Runden der alten Saison sehr unerfreuliche Vorgänge, die teils von der Angst vor Corona, teils aber offensichtlich von viel Eigeninteresse und wenig Sportsgeist angestoßen waren.
Daher möchte ich Euch bitten, Euren kritisch abwägenden Schachverstand auch bei der Corona-Problematik einzusetzen und sich im sportlichen Sinne für eine reguläre Saison 2020/21 einzusetzen und wo immer möglich, auch noch die 9. Runde der alten Saison zu spielen.
Als jahrzehntelang intensivmedizinisch tätiger Neurologe kenne ich die Gefahren von Infektionen, weiß aber auch wie man sich dagegen schützt. Ich arbeite mit meinen 76 Jahren auch nach wie vor halbtags in einer unserem Klinikum angeschlossenen Praxis und fühle mich wohl dabei, weil wir eben die Hygieneschutzmaßnahmen einhalten, auch wenn diese wie auch in unserem gesamten Umfeld nie 100% Schutz geben können – alternativ bliebe nur, mich zu Hause in Dauerquarantäne zu begeben.
Unser Hygiene-Schutzkonzept des BSB enthält die gleichen Regelungen wie in der Praxis, und deshalb fühle ich mich auch am Brett wohl, habe u.a. beim Meisterschaftsgipfel die Deutsche Seniorenmeisterschaft mit ca. 200 Teilnehmern ohne Maskenpflicht am Brett problemlos mitgespielt. Im März habe ich bei einem Schnellturnier gegen einen -nachträglich diagnostizierten akut Corona-Erkrankten gespielt. Er hat weder mich, noch seine 8 anderen Schnellschach-, noch seine 11 Blitzgegner angesteckt, obwohl wir damals nur Kontaktverbot als Schutzmaßnahme hatten. Es ist auch noch kein Fall bekannt geworden, dass sich jemand beim Schach angesteckt hätte!
Damit will ich weder Corona noch die Ansteckungsgefahr verharmlosen, aber ich will Euch vor Augen führen, dass das Risiko beim Schach bei Einhaltung der Hygieneregeln mit Sicherheit nicht größer ist als beim Einkaufen.
Also Angst vor Ansteckung kann eigentlich kein Argument gegen eine neue reguläre Saison oder auch die Fortsetzung der alten sein!
Sicherlich wird es nicht immer einfach sein, die notwendigen größeren Räumlichkeiten zu finden, aber es gibt vielfältige Möglichkeiten – vom Heimrecht-Tausch, über Spielverlegung, Anmietung, insbesondere bei den Kommunen, die in der Pflicht stehen, ihren Vereinen zu helfen. Wo ein Wille ist, findet sich ein Weg!
Nun noch zu den Vorgängen um die letzten beiden Saisonrunden auf bayerischer Ebene: Wir sind ein Sportverband und haben eine Verbandsspitze gewählt, um unseren Sport zu organisieren. Monatelang mussten wir auf die Ausübung unseres Mannschaftssportes verzichten. Nun sind nach Einschätzung der Experten und der politischen Funktionsträger seit einigen Wochen Turniere und Mannschaftskämpfe wieder mit geringem Risiko möglich und folgerichtig werden vom Spielleiter mit Unterstützung des Präsidiums pflichtgemäß wieder Turniere und Mannschaftskämpfe angesetzt. Die Einzelturniere werden erwartungsgemäß, wie in anderen Sportarten auch, dankbar angenommen und problemlos durchgeführt. Nur bei den Mannschaftskämpfen bildete sich eine Gruppe, die sich benachteiligt sieht und es für unzumutbar hält, den eigenen (!) Sport auszuüben, statt sich mit den gegebenen Umständen auseinanderzusetzen, auftretende Probleme zu lösen und hier ihre Energie einzubringen.
Wir hatten früher schon diverse Grippewellen, die uns Aufstellungsprobleme beschert haben. Wie bei Corona sind im Prinzip alle Vereine betroffen, wenn auch naturgemäß nicht unbedingt in gleichem Ausmaß, sodass einzelne Vereine benachteiligt waren. Das war und ist doch kein Grund, eine ganze Verbandsrunde abzusagen! Dann spielt man eben mal mit einer schwächeren Mannschaft, zumal es den anderen ähnlich geht.
Bedrückend wird es, wenn man sich die Spielabsagen auf bayerischer Ebene ansieht. Abgesagt haben die Tabellenletzten und als Absteiger feststehenden Mannschaften der Oberliga, der Landesliga Nord und Süd und der Regionalliga Nordwest, sowie der Letzte der Regionalliga Nordost, der Vorletzte der Regionalliga Südwest. In der Regionalliga Südost gab es bei insgesamt unklarer Tabellensituation keine Absagen. Weiter haben Mannschaften ihren 2. Kampf immer auswärts – abgesagt, wenn sie schon ein kampfloses 8:0 für sich buchen konnten. Es gibt nur 2-3 Mannschaften, die nicht in dieses Muster passen.
Wie sollen wir da unseren Jugendlichen die olympische Idee vermitteln, dass teilnehmen wichtiger ist als siegen? Was hat das mit Fairness gegenüber den anderen Mannschaften zu tun, wenn Bequemlichkeit über die sportliche Auseinandersetzung gestellt wird? Auch wenn Corona manch eine Entscheidung begünstigt haben wird, bleibt es unsportlich!
Einige Ergebnisse von gestern können aus einem normalen Mannschaftskampf kaum entstehen. Das gibt mir noch Anlass, auch an Euch zu appellieren, Euch gegen die im Schach leider nicht ganz unübliche Praxis zu wenden, die Ergebnisse von Mannschaftskämpfen abzusprechen. Das ist nicht nur unfair gegen nicht beteiligte Mannschaften, sondern diskreditiert uns als Sport generell und vor allem auch bei anderen Sportarten, bei denen solche Absprachen meist gar nicht möglich sind.
Liebe Schachfreunde,
lasst Euch durch Corona nicht unnötig einschüchtern, aber bleibt wachsam und gesund!
Jede Krise bietet auch eine Chance, und die sehe ich in unserem Schachbund in der Stärkung unserer Solidarität und unseres sportlichen Verhaltens. Auf- und Abstieg sind ja nicht ganz unwichtig, aber entscheidend ist doch ein sauberes und befriedigendes sportliches Miteinander! Viel Freude dabei!

Euer/Ihr

Peter Krauseneck

Bildquellen

  • STEF3163: stefkla